Kinder sollen Kinder bleiben, auch wenn der Partner geht

Kinder sollen Kinder bleiben, auch wenn der Partner geht

Die Antwort von Sylvie Meis in der BILD Zeitung auf die Frage, was ihr denn in der schweren Zeit nach der Trennung von Profifussballer Rafael van der Vaart Kraft gegeben hat: "Mein Sohn Damian ist mein bester Freund.", ist so schockierend wie verständlich. Heute mehr denn je, bleiben die Kinder die einzige Konstante im Leben, der Partner kann wechseln.

Seine Kinder zu selbständigen und selbstbewussten Erwachsenen zu erziehen, ist das hochstehende Ziel der meisten Eltern. Doch einfacher gesagt als getan.

Die Bilderbuch Variante der Familie, in der jeder seinen Platz hat, im gemeinschaftlichen Miteinander wachsen kann und niemand mit Ansprüchen überfordert ist, ist leider höchst utopisch. Vielmehr ist es so, dass heutige Familien vielfältigen Ansprüchen ausgesetzt sind. Sei es, dass Beruf und Familie hürdenlos zu vereinen sind, dass es keine traditionellen Rollenbilder mehr geben darf, dass die Kinder so früh als möglich jegliche Art der Förderung erhalten sollen und natürlich alle Familienmitglieder äusserst glücklich und gesellschaftskonform sind.

Ein Blick auf die Realität zeigt oft ein ganz anderes Bild. Eltern, die verunsichert sind, welchem Erziehungsratgeber sie nun folgen sollen. Autorität ist ein Tabuwort, Laissez-faire aber auch keine Lösung. Die goldene Mitte wäre dann vielleicht die partnerschaftliche Erziehung. Das Kind wird zum Freund und Kumpel. Vorbei sind die unangenehmen Diskussionen und die grosse Verantwortung als Eltern.

Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften, beleuchtet dieses Thema auf eine interessante Weise in ihrem Buch "Lasst die Kinder los". Sie zeigt auf, dass partnerschaftliche Erziehung insbesondere durch die Ängste der Eltern den Kindern mit Autorität wehtun zu können oder gar ihre Liebe verlieren zu können, geleitet wird. Diese Motivation wird in Eineltern-Familien noch wesentlich verstärkt.

Doch das Kind zum Partner zu machen, geht mit einer Überforderung des Kindes einher, insbesondere umso jünger es ist. Es wird in eine Rolle gedrängt, für die es nicht gemacht ist. Folgt man den diversen Entwicklungstheorien, sind Kinder vollauf damit beschäftigt sich einerseits von der Mutter loszulösen und andererseits die eigene Identität zu formen. Herausfinden, wer sie selber sind, Grenzen ausloten, sich an Widerständen reiben und somit Schritt für Schritt mehr sie selber zu werden, ist ihre Hauptbeschäftigung.

Diese Chance wird ihnen genommen, wenn sie zum Partner der Eltern oder auch nur eines Elternteiles - vermeintlich - aufsteigen. Dies kann sogar bis hin zu einem Rollentausch gehen. Die Eltern, die sich vollständig an den Wünschen und Meinungen ihres Kindes ausrichten, geraten mitunter in eine Abhängigkeit vom Wohlwollen des Kindes. Der Teufelskreis beginnt. Dieses Phänomen hat einen Namen: Parentifizierung. Das Kind schlüpft in die Rolle der elterlichen Verantwortung und ist masslos damit überfordert, während die Eltern in ihren Ängsten gefangen sind.

Margrit Stamm legt den autoritativen Erziehungsstil als Ausweg nahe. Die Eltern sind respektvoll und feinfühlig gegenüber den Bedürfnissen der Kinder. Klare Strukturen und erfüllbare Anforderungen geben den Kindern den Freiraum zu wachsen und eigene Entscheidungen treffen zu können. Doch Grenzen und Regeln sind klar und verständlich. Kinder bleiben Kinder und Eltern Eltern.

Parallel sollten sich Eltern, insbesondere alleinerziehende, ihrer Rolle und der Stolperfallen bewusst werden und sich ganz selbstbewusst Unterstützung und Hilfe holen. Es ist eine Tatsache, dass die Anforderungen an Eltern wesentlich komplexer geworden sind. Jeder hat das Recht Fehler zu machen und manchmal nicht weiter zu wissen. Und genau dafür gibt es Anlaufstellen, bei denen Erwachsene Eltern helfen, damit diese wieder für ihre Kinder da sein können und nicht umgekehrt.

Somit sei auch gesagt: auf eine neue Beziehung zum Wohle des Kindes zu verzichten, ist unter Umständen ein Trugschluss.

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